Kino in der Krise
Den nachfolgenden Artikel aus dem Hamburger Abendblatt
vom 8.12.2000 geben wir wegen seiner Aktualität im Original
wieder, weil er unsere Auffassung bestätigt, daß die
Beteiligungen an Medienfonds nur geeignet sind zur Beimischung ins
Depot. Dies aber auch nur dann, wenn Sie in der höchsten Progressionstufe
der Steuertabelle veranlagt werden und es sich leisten können,
einen Totalverlust des Beteiligungsangebotes zu erleiden!!
Hamburger Abendblatt,8.12.2000, Verfasser: Lars Haider
Deutschlands Kinos erleben die schwerste Krise
seit einem Jahrzehnt. Die Besucherzahlen sind in den ansonsten so
starken Monaten Oktober und November dramatisch eingebrochen. Die
Hamburger Cinemaxx, seit der Beteiligung an Ufa mit großem
Abstand Marktführer, erwartet zweistellige Millionenverluste.
Und der Kurs der Cinemaxx-Aktie sank gestern bis auf 3,50 Euro -
im März war er noch rund siebenmal höher. "Es gibt
nichts zu beschönigen", sagt Hans-Joachim Flebbe. "Die
Situation der Branche ist sehr ernst." Auf Initiative des Cinemaxx-Chefs
haben Kinobetreiber, Verleiher und Produzenten jetzt eine Task Force
gegründet, die Konzepte gegen "die neue Kinomüdigkeit"
entwickeln soll.
Wie ernst die Lage ist, zeigt allein die Statistik
über den Monat Oktober: Verbuchten die zehn populärsten
Filme im Oktober 1999 noch 11,55 Millionen Besucher, waren es in
diesem Jahr nur 8,73 Millionen - ein Minus von 2,8 Millionen. Und:
In diesem Jahr übersprangen bisher nur 14 Filme die Grenze
von zwei Millionen Zuschauern, kamen zusammen auf 49 Millionen Besucher.
Zum Vergleich: 1999 waren es 19 Streifen, die gemeinsam 64 Millionen
Menschen erreichten.
Auf solche Rückschläge sind die Kinos,
deren Besucherzahlen von 1990 bis 1999 um 50 Prozent gestiegen waren,
nicht vorbereitet. Im Gegenteil: "Statt der 200 Millionen Besucher,
die für dieses Jahr allgemein erwartet worden waren und für
die wir neue Kinosäle gebaut haben, werden wir nur knapp 155
Millionen haben", sagt Flebbe. Er gibt zu: "Wir und alle
anderen Marktteilnehmer haben sich verrechnet."
Die Quittung dafür erhält man jetzt
an der Börse und von den Analysten der Banken. Obwohl die Cinemaxx-Aktie
derzeit so billig wie nie zuvor ist, rät die Hypo-Vereinsbank
von einem Kauf ab - die Zukunftsaussichten seien zu schlecht. Frühestens
2002/2003 werde sich die Branche von ihren Problemen erholen. Das
größte: "Es gibt viel zu viele Kinos in Deutschland",
sagt Bankexperte Volker Bosse. Und statt bereits bestehende Überkapazitäten
abzubauen, hätten die Kinobetreiber in diesem Jahr neue Filmtheater
eröffnet - allein in den ersten neun Monaten waren es 304 Säle
(1999: 214).
Inzwischen gibt es schon pro 96 Einwohner einen
Sitzplatz im Kino. Vor vier Jahren waren es 112. Insgesamt ist die
Zahl der Kinoplätze in dieser Zeit von 731 035 auf mehr als
860 000 gestiegen, die der Leinwände von 3900 auf 4734. Gleichzeitig
sinkt die Auslastung der Kinos: Jene von Cinemaxx liegt laut Vorstandsmitglied
Michael Pawlowski bei 17,3 Prozent. Man brauche aber 19 Prozent,
um Gewinne machen zu können. "Erst wenn die Zahl der Kinosäle
sinkt, wird es der Branche wieder besser gehen", sagt Bosse.
Das scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Um
die Krise zu bewältigen, werde die Branche nicht nur die inländische
Expansion einstellen, so Flebbe, sondern auch traditionelle Theater
schließen, die keine Perspektive hätten. Davon dürften
vor allem Häuser der Ufa-Gruppe, die von Cinemaxx verwaltet
wird, betroffen sein. Außerdem planen die Hamburger "massive
Kostensenkungen in allen Bereichen unseres Unternehmens", wollen
die Wachstumspläne im Ausland überdenken. "Die Bewältigung
der Situation wird nicht ohne Opfer machbar sein", sagt der
Firmenchef.
Nach Informationen des Abendblatts erwägt
Hans-Joachim Flebbe aber auch, in Deutschland eine zweite Marke
neben Cinemaxx zu etablieren: Unter neuem Namen könnte eine
Art Kinokette entstehen, die zwar modern, aber in der Ausstattung
deutlich einfacher als die großen Multiplexe ist - und in
denen Filme deshalb zu niedrigeren Preisen gezeigt werden könnten.
Filmriss
Kommentar zum oben ausgeführten Artikel, ebenfalls
von LARS HAIDER
Kino ist Leidenschaft. Ein Medium, das so leicht
und schnell Träume und Fantasien erzeugt wie kaum ein anderes.
Ein herausragender Film kann das Leben verändern - das des
Zuschauers für 90 oder mehr Minuten, jenes des Kinounternehmens
für Monate oder ein ganzes Jahr.So ist es den Betreibern deutscher
Filmtheater in der Vergangenheit ergangen. Sie haben sich verführen
lassen von cineastischen Großereignissen wie "König
der Löwen","Independence Day" oder "Titanic"
- und geglaubt oder zumindest gehofft, dass es mit den Kassenknüllern
immer so weitergeht. Das war der entscheidende Fehler.
Nahezu alles andere haben die Unternehmen richtig
gemacht. Die Kinos, die sie in den vergangenen Jahren gebaut haben,
sind eindrucksvoll, innen wie außen. Modernste Technik, Beinfreiheit,
guter Service, Kartenbestellung per Internet - Deutschlands Multiplexe
gehören zu den besten der Welt. Aber das reicht eben noch lange
nicht, um erfolgreich zu sein und Gewinne zu machen: In ihrer ungebremsten
Expansionssucht und Leidenschaft für das Kino scheint eine
ganze Branche vergessen zu haben, dass sie auf ihr wichtigstes Produkt
so gut wie keinen Einfluss hat. Und deshalb in der Lage sein muss,
notfalls auch mal ein oder zwei Jahre mit schlechten Filmen zu überstehen.
|